Was macht eine Website wirklich barrierefrei?

21.04.26 | Lesedauer 4 Minuten

Was eine barrierefreie Website ausmacht, weiß der Jurist Deginet Wotango Doyiso. Durch seine Blindheit ist er früh mit dem Thema in Berührung gekommen und berät dazu heute Web-Entwickler und -Entwicklerinnen. Auch uns hat er geholfen – und zwar beim Website-Relaunch seines Arbeitgebers Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH. Wie? Das erklärt er am besten selbst.

Sie sind Jurist. Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit barrierefreiem Webdesign?

Tatsächlich schon seit ich Computer benutze. Als Nutzer eines Screenreaders habe ich jeden Tag mit der praktischen Seite der Barrierefreiheit zu tun. In den vergangenen drei Jahren habe ich außerdem gezielt Websites und Anwendungen getestet und Teams beraten, wie diese entwickelt werden sollten, damit sie aus Sicht der Nutzerinnen und Nutzer wirklich barrierefrei sind.

Was sind Ihrer Meinung nach die drei wichtigsten Faktoren für eine barrierefreie Website?

1. Eine logische Überschriftenhierarchie. Auf einer großen Website sind Überschriften meine Landkarte. Sie ermöglichen es mir, direkt zu dem Abschnitt zu springen, den ich brauche, und die Seite ähnlich zu überfliegen wie eine sehende Person.

2. Erreichbare und vorhersehbare Menüs. Da viele Links in mehreren Ebenen verborgen sind, müssen Menüs per Tastatur zugänglich sein und ankündigen, ob sie „ausgeklappt“ oder „eingeklappt“ sind, damit ich mich nicht verliere.

3. Korrekte technische Beschriftungen und Sprachkennzeichnungen. Der Screenreader muss zum Beispiel korrekt zwischen Deutsch und Englisch wechseln können. Außerdem brauchen Links klare Beschreibungen, damit ich genau weiß, wohin sie führen.

Wie haben Sie mit den Teams der GIZ und von 3st beim Launch der neuen Website zusammengearbeitet?

Über Live-Screen-Sharing. Zwei Stunden lang haben mich sehende Kolleginnen und Kollegen aus beiden Teams durch die Bereiche geführt, die sie testen wollten. Während ich navigierte, konnten sie in Echtzeit sehen, auf welche Barrieren ich beim Zugriff auf Informationen stieß. Dieser Ansatz war sehr effizient, weil ich sofort Feedback zu Navigation und den Focus States, also den gerade hervorgehobenen Elementen, geben konnte. So sahen das Team von 3st und die Projektverantwortlichen der GIZ schnell, an welchen Stellen die Logik der Website für Screenreader-Nutzende funktioniert oder eben nicht.

Welche Erkenntnisse haben Sie bei der Zusammenarbeit mit 3st beim Relaunch gewonnen?

Ich habe gelernt, dass Zusammenarbeit viel besser ist, als allein zu testen. Das technische Team hatte bereits Vermutungen, wo Probleme liegen könnten. Als sie jedoch sahen, wie ich die Website tatsächlich nutze, bestätigten sich einige dieser Probleme – und gleichzeitig wurden neue sichtbar.

Aus Ihrer Erfahrung: Sind Websites inklusiver geworden?

Meiner Ansicht nach wissen die meisten Entwicklerinnen und Entwickler heute, dass Barrierefreiheit wichtig ist. Es gibt bessere Standards (wie WCAG) und mehr Tools, die dabei helfen, Websites mit Screenreadern kompatibel zu machen. Grundlegende Dinge, wie Alternativtexte für Bilder hinzuzufügen, passieren heute häufiger als früher. Allerdings sind Websites auch deutlich überladener geworden. Es gibt mehr Pop-ups, automatisch startende Videos und komplexere Menüs als noch vor zehn Jahren. Selbst wenn eine Seite technisch korrekt programmiert ist, macht diese Überfrachtung die Navigation mit einem Screenreader sehr anstrengend.

Wie kann künstliche Intelligenz künftig noch hilfreicher sein?

KI-basierte Tools können inzwischen Bilder oder Buttons „erkennen“ und beschriften, die Entwicklerinnen und Entwickler vergessen haben zu benennen. Dadurch werden Teile einer Website zugänglich, die für mich vorher komplett unzugänglich waren. Bei Vorlesefunktionen auf Websites kann KI außerdem lange Artikel schnell zusammenfassen und Stimmen natürlicher klingen lassen. Allerdings beschreibt KI nur das, was sie sieht – zum Beispiel „zwei Personen, die sich die Hände schütteln“. Die tiefere Bedeutung oder der Kontext werden nicht verstanden. Deshalb bleibt menschliches Testen weiterhin notwendig, um sicherzustellen, dass Informationen sinnvoll sind und zur Logik der Website passen.